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Review: Before Your Eyes im Test

Wer den Indie-Markt der vergangenen Jahre mitverfolgt hat, dem ist vermutlich aufgefallen, dass es dort aktuell eine regelrechte Flutwellte an emotionalen, tiefgängigen Abenteuern abseits des doch eher Action-orientierten Mainstreams gab und gibt. Und das ist gut so, denn nicht nur sprechen diese Games zuhauf Themen an, die in der Gesellschaft unglücklicherweise immer noch tabu sind – Stichworte wären hier Burnout, Depression, Sexismus, Gewalt und Missbrauch oder auch ein offenes Sprechen über die eigenen Gefühle –, sie transportieren ihre Messages auch gerne im Rahmen spannender, unüblicher Präsentationen sowie innovativer Gameplay-Konzepte. Before Your Eyes folgt seinen Vorgängern hierin und führt dabei etwas ein, das es so tatsächlich noch nicht gab: Die Steuerung per Augenblinzeln.

Nur ein Augenblick

Hinter Before Your Eyes‘ Steuerung steckt weit mehr, als nur eine neue Art, das Spiel zu kontrollieren. Die Story versetzt euch in die Rolle von Benjamin Brynn, der zu Beginn des Geschehens als körperlose Seele aus dem Seelenstrom gefischt wird und nun vom Fährenmann zum Turm der Torwächterin gebracht wird. Anhand der Geschichte, die ihr dem Fährenmann erzählt – und die er infolge an sie weitergibt – soll entschieden werden, ob ihr würdig seid, in die Stadt der Torwächterin zu ziehen oder ob eurer Seele ein weniger wünschenswertes Schicksal blüht.

So werdet ihr in die wichtigsten Momente eures Lebens zurückversetzt, von den frühesten Kindheitserinnerungen bis zu eurem Tod, und lasst dort nicht nur Geschehenes Revue passieren, sondern könnt dieses auch beeinflussen, indem ihr eben blinzelt – oder dies bewusst vermeidet. Blinzelt ihr über einer als Kleinkind gemalten Zeichnung, könnt ihr diese umwerfen, haltet ihr die Augen offen, lobt euch Mami. Blinzelt ihr über einem läutenden Telefon, anstatt euch auf die Tasten eures Klaviers zu konzentrieren, könnt mir mit eurer Nachbarin-Schrägstrich-Freundin plaudern, aber Mama freut sich weniger.

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Doch das Blinzeln lässt euch nicht nur mit eurer aktuellen Umwelt interagieren, es bestimmt auch, wie lange ihr in jedem Moment verweilen dürft. Nach dem interaktiven Part jeder Szene erscheint am unteren Bildschirmrand ein Metronom, das sich lautstark klickend bemerkbar macht. Blinzelt ihr nun, springt ihr in der Zeit voran – manchmal bloß ein paar Momente, manchmal ganze Jahre. Anfangs sorgt dies dafür, dass man womöglich, ohne es wirklich zu wollen, aus einer Szene gerissen wird, in der man eigentlich noch gerne den Eltern beim Reden gelauscht oder der Katze mit ihren Kitten zugesehen hätte; später im Spiel strengt man sich dann unter Augenbrennen an, unbedingt noch ein paar Momente die Augen offenzuhalten, um noch nicht weiterzumüssen. Aber eines ist klar: Früher oder später muss es dann doch sein, selbst wenn man Staring-Contest-Ultrasieger ist. Die schöne Parabel, die dahintersteckt: Jeder Moment vergeht, wie sehr man auch versucht, ihn festzuhalten.

Gegen Ende des Spiels dreht sich der Spieß dann um: Oft müssen wir die Augen nicht zwanghaft und unter Schmerzen offen halten, um möglichst viel aus einer Szene herauszuholen, sondern diese schließen – und entspannt geschlossen halten. Die Story schlägt im Verlauf des Spiels so manchen unerwarteten Haken, vermittelt dabei aber vor allem drei Dinge: Wie wichtig es ist, im Augenblick zu leben und diesen zu genießen – denn er vergeht schneller, als man denkt; das wertzuschätzen, was man hat, anstatt für eine potenzielle Zukunft zu leben, die womöglich niemals eintritt; sowie loszulassen und zu akzeptieren, dass manche Dinge schlichtweg außerhalb unserer Kontrolle liegen – und dass dies in Ordnung ist.

Rundum immersiv?

Die Geschichte von Before Your Eyes zieht einen definitiv in ihren Bann. Das Spiel ist mit rund 1,5 Stunden Spielzeit nicht sonderlich lange, die Zeit vergeht dabei aber wie im Flug – oder wie man auf Englisch sagt: in the blink of an eye. Die First-Person-Perspektive und die Mischung aus bewusster Blinzel-Kontrolle und den unausweichlich passierenden unbeabsichtigten Blinzlern sorgen für ein ganz eigenes Spielgefühl, das euch im Nu in die Welt saugt.

Technisch hatte ich anfangs mit ein paar Schwierigkeiten zu kämpfen: Ich habe den Titel zunächst nachts gespielt und mein Gaming-Zimmer ist nicht sonderlich hell beleuchtet – hell genug, um Augenblinzler am rückgeworfenen Bild meiner Webcam als Spieler deutlich zu erkennen, leider nicht hell genug, sodass auch das Spiel dies problemlos getan hätte. Tagsüber bei Sonnenschein ging dann nach ein bisschen Rumkalibrieren alles mehr oder minder problemlos – bloß ab und an wurde ein Blinzeln nicht aufgenommen, und glücklicherweise nie während Momenten, in denen ich zeitkritisch reagieren musste.

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Wer keine Webcam hat, die Funktion nicht zum Laufen bringt oder schlicht seine Augen schonen möchte, der kann Before Your Eyes auch per Maussteuerung spielen. Hier klickt ihr dann, anstatt zu blinzeln, was das Verweilen in den einzelnen Szenen natürlich stark vereinfacht und somit auch ein wenig von der Immersion und Message wegnimmt. Dafür braucht ihr aber auch nicht auf die Story-induzierten Tränen zu hoffen, um eure Augen halbwegs feucht zu halten.

Die Präsentation des Spiels baut auf einen simplen 3D-Cel-Shading-Look, der die richtige Mischung aus niedlich und ernsthaft trifft. Besonders positiv sollen übrigens die Sprecher der Charaktere erwähnt werden, die durchwegs tolle Leistungen erbracht haben und die einzelnen Charaktere erst so richtig zum Leben erwecken. Der Soundtrack plätschert nett im Hintergrund und untermalt alles passend, bietet aber keine Highlights, die weiter erwähnenswert wären. In Sachen Performance lief alles problemlos. Ab und an hätte ich mir lediglich gewünscht, dass die Stimmen nicht so viel leiser würden, wenn ich meinen Kopf weg vom Sprecher drehte – im realen Leben macht das schließlich bloß geringfügigen Unterschied. Hier sind wir aber schon beim Jammern auf wirklich hohem Niveau.

Ein emotionales Abenteuer mit Gameplay-Message

Ich bin ein großer Fan von tiefgehenden Indie-Games und hatte mich nach den ersten Infos sehr auf Before Your Eyes gefreut – auch wenn ich nicht ganz sicher war, was ich von der Blinzelsteuerung halten sollte (Webcam anmachen? Na wenn es sein muss...). Im Endeffekt hat mich das Konzept aber eindeutig überzeugt. Die Steuerung passt garantiert nicht zu jeder Art von Story oder Spiel und ist wohl auf Dauer auch nicht gerade Augen-schonend, das oft schon richtig schmerzhafte Vermeiden von Blinzlern und das unterbewusste Ausführen dieser als Spiegel für unsere Unfähigkeit, Ereignisse und das Voranschreiten unseres Lebens zu kontrollieren, war aber ein kleiner Meisterschlag. Die Story selbst scheint anfangs ein wenig klischeehaft, entpuppt sich im Laufe des Geschehens aber doch als weit komplexer und hält durchgehend bei der Stange. Wer Before Your Eyes spielt, sollte sich unbedingt rund zwei Stunden am Stück Zeit nehmen und das Spiel – wie einen immersiven, interaktiven Film – in einer Session durchspielen.

8
Grafik:
8
Sound:
8
Steuerung:
8
Story:
7
Konzept:
9
Before Your Eyes

Before Your Eyes

Systeme: PC (Steam)
Genre: Adventure
Entwickler / Publisher: GoodbyeWorld Games / Skybound Games
Erscheinungsdatum: 8. April 2021

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