Schottland und übernatürliche Wesen gehören einfach zusammen. Kombiniert man all das noch mit einer klassischen Detektiv-Story samt verschwundener junger Dame – oder in diesem Fall Magierin – und rüttelt es einmal gut durch, erhält man Charlotte Platts Debütroman A Stranger’s Guide – und die ungewöhnliche Mischung funktioniert erstaunlich gut.
Von Magiern und anderen Wesen
Carter kommt aus Manchester, doch diesen Oktober bleibt ihm nichts anders übrig, als nach Glasgow zu reisen. Warum? Seine Schwester ist verschwunden und er ist vermutlich der Einzige, der sie finden kann – oder zumindest der Einzige, dem er zutraut, sie motiviert genug zu suchen, um sie tatsächlich zu finden. Die Komplikation an der Sache: Um das tatsächlich zu schaffen, muss er unangenehmerweise seine Schilde fallen lassen. Keine sozialen Schilde, die es ihm üblicherweise erschweren, mit seinen Mitmenschen zu sprechen – de facto wäre es überhaupt kein Problem, wenn er nur mit Mitmenschen sprechen müsste – nein, wenn Carter von seinen Schilden spricht, dann meint er die Barriere, die er zwischen seine Umgebung und seine magische Wahrnehmung bringt, um von all dem übernatürlichen Kram um ihn herum möglichst wenig mitzubekommen. Carter und seine Schwester sind nämlich keine gewöhnlichen Twens, sondern Magier. Und genau das dürfte Sarah auch zum Verhängnis geworden sein: Der einzige Hinweis, den er auf ihren Aufenthaltsort hat, ist nämlich ein mysteriöses Buch aus dem späten 19. Jahrhundert, das von allerlei Begegnungen zwischen dem Autor und nicht-menschlichen Bewohnern Glasgows spricht – und Sarahs Aufzeichnungen, die deutlich machen, dass sie vor ihrem Verschwinden einen nach dem anderen darunter besucht hat …
A Stranger’s Guide beginnt wie viele andere Detektivgeschichten: Eine verschwundene Person, ein motivierter (Möchtegern-)Schnüffler, eine ganze Reihe an mehr oder minder hilfreichen bis verdächtigen Bekanntschaften des Opfers, die befragt oder befreundet werden wollen, sowie vage Hinweise, die sich im Laufe der Story zunehmend verdichten. Das alles alleine würde schon genug Material für eine spannende Story bieten, doch Charlotte Platts Roman wirft noch ein wenig mehr Würze in die Mischung und präsentiert uns ein Glasgow, das nicht nur von Magiern mit unterschiedlich motivierten Talenten wimmelt, sondern auch von Wesen wie Dschinns, Mänaden und Feen, die Geschäfte führen, rachsüchtigen Geistern, die Betrunkene je nach Laune sicher nach Hause führen oder im Fluss ertränken, oder Dämonen, die nichtsahnende Engländer im Schlaf heimsuchen, um ihnen unmoralische Angebote zu machen. In letzterem Fall sprechen wir natürlich wiederum von Carter, denn eine verschwundene Schwester und übernatürliche Wesen, wohin man blickt, sind scheinbar noch nicht genug Probleme …
Your friendly neighborhood demon
Im Laufe der Story werden zwei Dinge schnell klar: Carter mag seine Fähigkeiten selbst zwar nicht mögen, der Großteil von Glasgows nicht-menschlichen Bewohnern ist davon allerdings regelrecht angetan – und Sarah ging es vor ihrem Verschwinden nicht viel anders. Diese beiden Tatsachen führen dazu, dass sich Carter in der Story scheinbar problemlos eine Tür nach der anderen öffnet – von Bekannten Sarahs, die nur allzu willig sind, alles liegen und stehen zu lassen, um ihm bei der Suche zu helfen, über Wesen, die sich üblicherweise tief im Verborgenen halten, mit ihm aber mehr als willentlich kommunizieren, über Handelspartner, die konstant mit Infos rausrücken, auch wenn sie immer wieder betonen, dass sie dies eigentlich nur im Austausch für handfeste Gegenleistungen tun wollen. Hier liegt auch die größte Schwäche von A Stranger’s Guide: Obwohl die Story spannend aufgebaut ist, fällt Carter alles ein klein wenig zu leicht in die Hände. Kein einziges Mal lässt ihn jemand kalt abblitzen, und die wenigen, die nicht sofort mit der Sprache rausrücken, verlangen Handelswaren, die er innerhalb von Stunden ohne großen Aufwand auftreiben kann.
Auch die Informationsverteilung in Glasgow ist während des gesamten Buchs ein kleines Rätsel: So scheint es gelegentlich, dass bestimmte einflussreichere Charaktere zwar im Grunde alles über die Stadt, ihre Bewohner und die Machenschaften zwischen diesen wissen, gerade jene Infos, die Carter als Neuling hat, dann aber doch noch nicht kennen, sodass dieser jene gegen weitere Hinweise eintauschen kann. Carter selbst beginnt seine Suche indessen als jemand, der beim ersten Anblick von übernatürlichen Wesen einen halben Herzinfarkt erleidet – sieht er sie dank seiner speziellen Fähigkeiten schließlich, wie sie wirklich sind – bereits Stunden im Buch später jedoch jedem noch so schrecklichen Wesen ins Auge blickt und abgebrüht damit umgehen kann, dass ihn Leute ans Messer liefern wollten – und dabei nicht mal nachtragend ist. Die Charakterentwicklung passiert hier ein wenig zu spontan, was wohl auch der kurzen Story-Dauer insgesamt geschuldet ist – innerhalb des Buches vergeht kaum eine Woche von Anfang bis Ende.
Seltsamerweise tun diese doch recht deutlichen Plot-Schwächen dem Lesespaß aber nichts ab, was vor allem daran liegt, wie wundervoll schnell und pfiffig A Stranger’s Guide geschrieben ist. Ein Großteil des Buches besteht aus Dialogen, die weder steif noch aufgesetzt wirken, sondern indessen ein wundervolles Gefühl von unterschiedlichen Persönlichkeiten hervorrufen. Die Charaktere selbst sind abwechslungsreich gezeichnet und führen den Leser auch ein wenig in ihre Mythen ein, sodass hier ein ganzes Universum entsteht, in dem potenziell noch weitere Geschichten folgen könnten. Ich persönlich würde jedenfalls gerne noch mehr über Glasgows übernatürliche Szene lesen.
Agent Carter im Dämonenland
A Stranger’s Guide ist eine wundervolle Mischung aus mythen-inspirierter Dark-Fantasy und Detektivstory, die zwar mit einigen Umsetzungsschwierigkeiten zu kämpfen hat, dabei aber dank sympathischen Charakteren und ihrem flotten Schreibstil dennoch von Anfang bis Ende bei der Stange hält. Gerade in Sachen Charakterentwicklung herrscht hier auf jeden Fall noch Verbesserungspotenzial, der Lesespaß kommt bei A Stranger’s Guide aber dennoch keinesfalls zu kurz. Wer Krimis und Fantasy liebt, der findet hier also eine interessante und durchaus empfehlenswerte Kombination aus beidem.
A Stranger's Guide
Autor: Charlotte Platt
Verlag: Silver Shamrock Publishing
Genre: Dark Fantasy, Detektivstory, Erotika-Elemente
Seiten: 386
Alter: ab 16 Jahren
Erscheinungsdatum: 1. Juni 2020 (Englisch)
Kira arbeitet bereits seit 2004 für diverse Videospiel- und Entertainment-Magazine, darunter auch die ehemaligen Printmagazine von Gamers.at und consol.at. Leidenschaftliche Zockerin ist sie allerdings schon seit dem Atari 2600 und sie kann sich auch nicht vorstellen, dass sich das jemals ändern wird.





